Interview in "Theater der Zeit" mit Intendant Peter Carp
Theater der Zeit: Herr Carp, Theater der Zeit macht eine Reihe über die Zukunft des Stadttheaters. Im hochverschuldeten Oberhausen stehen Sie da unfreiwillig an vorderster Front. Wie gehen Sie damit um, wenn beispielsweise der Regierungspräsident von Düsseldorf, Jürgen Bussow, die Schließung Ihres Hauses fordert?
Peter Carp: Er spricht locker von Theaterschließungen und lobt den Mut der Wuppertaler, die sich entschlossen haben, das Schauspielhaus nicht zu renovieren und damit die Sparte Schauspiel langfristig abzuschaffen. Das ist ein ausgesprochen erschreckendes Signal. Bei dieser Spardebatte wird immer zuerst das Theater genannt. Aber dort zu sparen bringt, wie wir allen wissen, finanziell gar nicht viel in Anbetracht der enormen Schulden. Man könnte im Ballungsraum NRW auch darüber nachdenken, die Verwaltungen zu schlanker und effizienter zu gestalten. Vielleicht wäre da ein viel größeres finanzielles Sparpotenzial. Stattdessen werden – nicht von Oberhausener Seite, sondern von außen – populistische Reflexe mobilisiert, eine Bildungsfeindlichkeit, die in Deutschland eine sehr traurige Geschichte hat. Schaffen wir doch diese anstrengenden Hochkulturinstitutionen ab, dann muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich nicht dafür interessiere. Es geht hier weniger ums Sparen als um das Spielen mit Befindlichkeiten. Gleichzeitig wird von der kulturellen deutschen Identität geredet. Doch wo bitte soll die stattfinden?
TdZ: Für Herrn Bussow ist Theater eher Schmuck. Er lädt auch jedes Jahr ein Theater in sein Gebäude, das dann im Treppenhaus spielen darf. Dahinter steckt die Konzeption einer Amerikanisierung. In den USA zum Beispiel gibt es in Städten wie New Orleans große Bereiche, in denen man sich nicht aufhalten darf, wenn man nicht überfallen werden will. In anderen Vierteln existieren schmucke Universitäten mit Semesterbeiträgen von 40 000 Dollar. Bestimmte Teile der Bevölkerung sind also von vorneherein von Bildung und Zukunftschancen ausgeschlossen. Für unser Verständnis von Demokratie ist das noch völlig inakzeptabel.
P.C.: Das Institut für Demoskopie Allensbach hat eine Studie veröffentlich, die mich richtig erschüttert. Nach neusten Umfragen existiert, verglichen zum Anfang der neunziger Jahre, als das letzte Mal untersucht wurde, ein dramatischer Unterschied darin, wie die Leute mir ihrer Verelendung umgehen. Man erwartet ja, dass die soziale Kluft immer größer wird. Aber es gibt das ansteigende Gefühl: Da komme ich gar nicht mehr heraus und meine Kinder auch nicht. Die Leute stellen sich auf mehrere Generationen von Hartz IV ein. Da ist es auch egal, was für einen Schulabschluss die Kinder machen. Man hängt vor der Glotze und guckt sich irgendwelchen Unterhaltungstingeltangel an, ansonsten geht man noch ins Sportstudio McFit, einkaufen bei MacGeiz und essen bei McDonald’s. Da ist man dann bei Michael Moore, der über sein Entsetzen darüber Filme dreht. Hier ist doch wirklich die Politik gefordert, um gegenzusteuern. Da haben das Theater oder auch die Kurzfilmtage, das Museum oder die Bibliothek doch eine ganz wichtige Funktion: Da muss man einfach Flagge zeigen. Das ist doch eine Horrorvision: eine frustrierte Bevölkerung, die sich für nichts mehr interessiert, die nur noch mit so einem bisschen Entertainment und schlechter Ernährung vor sich hin vegetiert. Es geht also ganz klar um Ghettorisierung. Ein Ghetto für Verlierer. Das ist eine politische Entscheidung, ob man sagt: Wir lassen bestimmte Städte einfach absaufen – das sind die Billigvororte für eine Großstadt Ruhrgebiet -, und in Düsseldorf wohnen die, die es sich leisten können. Die Bessergestellten kriegen das volle Angebot, und dann gibt es eben Bereiche, in denen wohnt eine andere Klasse Mensch. Richtig zur Arbeit brauchen wir die eigentlich auch nicht mehr, nur noch für den Konsum. Und in dieser Zone gibt man dann Bildungseinrichtungen, Theater usw. auf.
Das, was aufgegeben wird, ist aber der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit oder der Gedanke der Chancengleichheit. Einerseits reden wir immer darüber, dass wir die Bevölkerung integrieren müssen und die Menschen mit Migrationshintergrund in unsere Kultur und Gesellschaft einführen wollen, damit sie nicht auseinanderdriftet. Andererseits hat das, was da unsere Gesellschaft gerade im Begriff ist zu entwerfen, mit Chancengleichheit nichts mehr zu tun. Die Entscheidung darüber wird natürlich nicht im Theater gefällt, sondern nur in der Politik. Das Theater kann die Verödung nur bekämpfen.
TdZ: Wie arbeitet denn hier vor Ort das Theater gegen die Ghettoisierung an?
P.C.: Zum Beispiel, indem wir das Projekt „King A“ mit Streetdancern und unseren Schauspielern machen. Mit Jugendlichen direkt aus den Communities, also aus einer Szene, die normalerweise nicht ins Theater geht. Die sind jetzt sogar Weltmeister im Streetdance geworden. Oder mit der „Oberhausener Johannes-Passion“. Lothar Trolle hat uns zu der „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach Rezitative speziell zur Situation in Oberhausen geschrieben. Das Ganze spielt auf dem Oberhausener Hauptbahnhof und fragt: Was würde passieren, wenn Jesus Christus durch Oberhausen ginge? Was wäre hier das Selbstopfer, was ist Erlösung? Oder Schorsch Kamerun, der live mit unseren Theaterleuten und den Fußballern von Rotweiß Oberhausen eine Koproduktion macht zum Thema „Stadt in der Krise“, Titel „Abseitsfalle“. Das interessiert die Leute sehr, wenn wir das Theater auf die Stadt Oberhausen beziehen – ohne dabei jedes Stück zwanghaft zurechtzubügeln.
Wir können hier nicht Theater für Theater machen. Gleichwohl sind wir hier sehr bemüht, avanciertes Theater zu machen. Aber so, dass es Menschen einlädt, die sich normalerweise nicht so sehr für Hochkultur interessieren, und ihnen zeigt, dass diese Theaterwelt eine große, verlockende, spannende und sinnliche Welt ist. Die eben nicht von vorgestern ist, sondern die mit ihrer Gegenwart zu tun hat. Vielleicht manchmal auch mehr als ihre eigene erlebte Gegenwart.
TdZ: Nun gibt es auch viel Konkurrenz: NRW hat die höchste Theaterdichte der Welt, dazu die Ruhrfestspiele. Die Politik hat noch die Ruhrtriennale draufgelegt, ein attraktiver Eventleuchtturm.
P.C.: Schön wäre, wenn wir mehr Publikum von der Ruhrtriennale zu uns ins Oberhausener Theater kriegen würden – oder ins Essener oder ins Mülheimer Theater. Damit es diese überregionale Wahrnehmung nicht nur in der Presse gibt, sondern auch in der Bevölkerung. Das ist sehr schwr, weil doch trotz hoffnungsvoller Beschwörungen der Metropole Ruhr die Wahrnehmung sehr stadtbegrenzt und teilweise auch kleinstädtisch ist.
TdZ: Diese Ruhrcity mit zehn Millionen Einwohnern oder mehr, die Metropolen wie London und New York gleichgesetzt wird, ist reine Fiktion. Die Mentalität ist eben nicht großstädtisch. Insbesondere nicht die Mentalität der Politiker, die diese Chimäre beschwören.
P.C.: Vielleicht könnte man erstmal ein Ruhrgebietsabo schaffen, mit dem ich zwei Vorstellungen in essen, zwei in Oberhausen, eine in Bochum, vielleicht noch ein Konzert und eine Veranstaltung der Ruhrtriennale besuchen kann. Das wäre doch toll. Dann bekäme man gleich auch noch Hintergrundinformationen mitgeliefert, was wann wo gemacht wird. Würden sich die Theater zusammentun, könnten wir das alle gemeinsam richtig bewerben.
TdZ: Toll! Ich sehe, Sie sind der richtige Mann am richtigen Platz.
P.C.: Es hat keinen Sinn, dass Essen und Oberhausen genau den gleichen Spielplan machen. Wir stimmen uns da schon jetzt ab. Es gibt natürlich Konfliktpunkte, wenn ein Stoff Abiturstoff ist – den will jedes Theater machen. Ansonsten haben die Theater hier unterschiedliche Profile. Man bräuchte auch ein entsprechendes Publikationsorgan. In Berlin habe ich zitty und tip. Hier muss ich mich ja wirklich dezidiert erkundigen: Was wird in Bochum, in Essen oder Dortmund gespielt? Selbst ich, der ich ja nun in der Branche tätig bin, versäume das eine oder andere. Deswegen denke ich, dass man bei dieser großen Fülle des kulturellen Angebotes – das etwas Tolles ist – den Menschen helfen muss, dieses Angebot überhaupt wahrnehmen zu können.
TdZ: Das heißt also, die Häuser müssten viel stärker kooperieren, anstatt einzeln vor sich hin zu wursteln.
P.C.: Wir werden in der nächsten Spielzeit mit Essen kooperieren. Wir werden mit dem Ringlokschuppen kooperieren, auch perspektivisch. Ich finde sehr interessant, was die dort machen. Wenn wir uns in Oberhausen neues Publikum erschließen wollen, ist es nur konsequent mit der freien Szene zusammenzuarbeiten. Wir wollen eine Produktion zusammen mit Gob Squad machen oder andere Aufführungen austauschen.
TdZ: Sie haben auch mit dem Forum Freies Theater zusammengearbeitet. Ein Projekt mit einem Text von Etel Adnan.
P.C.: Ja, das war eine spannende Erfahrung, aber es war ja nun auch eine sehr spezielle Produktion. Als Zusammenarbeit war das sehr interessant und auch sehr erfreulich. Ich finde das wichtig, weil dadurch das Publikumsverhalten ein anderes wird. Neue Zuschauerschichten mischen sich mit dem traditionellen Stadttheaterpublikum, das in Oberhausen eher abnimmt. Wenn sie Stadt sich verändert, muss sich auch das Theater verändern und neu definieren. Unsere Strategie ist, dass wir versuchen, uns zu vernetzen. Wir machen auch eine Koproduktion mit dem Theater der Welt und eine längerfristige Kooperation mit einem ausländischen Theater, dem Theater in Sibiu, Rumänien, ehemals Hermannstadt. Die haben auch ein sehr großes Theaterfestival. Lothar Trolle wird ein Stück über Sibiu schreiben, und ich werde das inszenieren. Im Gegenzug kommt ein rumänischer Autor hierher und schreibt ein Stück über Oberhausen, das ein rumänischer Regisseur inszeniert.
Wir wollen nicht nur regionale, sonder auch ästhetische Grenzen überwinden. So haben wir in der letzten Spielzeit mit Hans Peter Litscher eine große Installation in einem öffentlichen Gebäude, dem Gästehaus der Gutehoffnungshütte, etabliert. Erinnerungsräume. Litscher erzählt immer eine Geschichte, die mit dem Ort zu tun hat. Diese mal hieß die Produktion „Gelateria Götterdämmerung“. Es ging um den Aufenthalt Viscontis in Oberhausen, als er „Die Verdammten“ gedreht hat. Das ist so eine Münchhausen-Geschichte, da stimmen 80 Prozent, und 20 Prozent stimmen nicht. Und damit spielt er. Dieser erweiterte Kunstbegriff oder diese Genredefinition von Theater finde ich sehr spannend und notwendig. Das geht in einer strengen Abostruktur natürlich schwer. Trotzdem bleibt das Abo wichtig, aber vielleicht muss sich auch das Abo mal wieder neu erfinden.
TdZ: Wie kommen denn die Migranten bei Ihnen vor, von denen es Ruhrgebiet ja sehr viele gibt?
P.C.: In den sechziger Jahren sind sehr viele Menschen aus Sardinien, vor allem aus Carbonia und Iglesia – das sind zwei Bergbaustädte -, nach Oberhausen gekommen. Es gibt immer noch große sardische Vereine. Vorletztes Jahr im Dezember bin ich auf Sardinien gewesen, und plötzlich hat mich interessiert, was sich eigentlich dort verändert hat, als immerhin ein Fünftel der Bevölkerung weggegangen ist. Wie war das für die, die zurückgeblieben sind? Darüber machen wir ein Projekt.
TdZ: Von der südländischen Atmosphäre merkt man hier eher wenig.
P.C: Etwas südländisches Feuer würde der Stadt ganz gut tun. Da ist der Oberhausener, der Ruhrgebietler eher häuslicher Kleinbürger, der zu wenig ausgeht und feiert. Das ist das, was ich hier manchmal ein bisschen schade finde, dass die Leute sich immer sehr in Häusliche zurückziehen. Die Leute sind sehr offen und kommunikativ, aber sie sind nicht öffentlich. Das Öffentliche spielt nicht so eine große Rolle. Das ist dann doch so ein bisschen kleinstädtisch. Wahrscheinlich, weil es keine gewachsenen Städte sind. Das Öffentliche, zum Beispiel die italienische Kleinstadt mit der Piazza oder das Wiener Kaffeehaus, einen öffentlichen Ort, gibt es hier nicht. Stattdessen Siedlungshäuschen und der Garten nach hinten, wo man sich dann gegenseitig einlädt – aber nur die, die man auch treffen will.
TdZ: Da könnte das Theater ja mal anfangen, Paraden zu organisieren, mit Musik, Kapelle vorneweg. Dann sie Streetdancer, Karneval der Kulturen usw. Einfach mit gutem Beispiel vorangehen.
P.C.: Ja gut. Ich nehme das jetzt als Anregung.
TdZ: Es wäre nur eine Ihrer ganz unterschiedlichen Initiativen mehr, das Haus zu öffnen und in neuen Kontexten zu verankern.
P.C.: Ich kann den Leuten nicht immer nur von Bergbau und Taubenzucht erzählen. Das will keiner mehr hören
TdZ: Die Region hat starke Zeiten erlebt und ist von der postindustriellen Wende kalt erwischt worden, ohne dass sie bis jetzt zu einer neuen Identität oder Vision gefunden hat.
P.C.: Es hat eine ganze Weile eine nostalgische Geschichte gegeben, wo man sich immer wieder auf diese heroischen Bergleute bezogen hat. Das ist jetzt durch. Wirklich Neues ist aber nicht gewachsen, was manchmal zu einer angstgeprägten Bestandswahrung führt: Es soll anders werden, aber es darf sich nichts ändern. Da muss man anders vorgehen und nein sagen. Wir müssen das Morgen gestalten und uns nicht immer überholen lassen. Wir müssen gestalten! Und das macht mir einfach Riesenspaß. Das Theater ist ganz massiv bedroht, weil die Stadt ganz massiv bedroht ist. Aber es hat ja keinen Sinn, dass ich weine, sondern wir müssen versuchen, besonders spannende und gute Projekte zu machen, so dass es den Menschen einfach unvorstellbar wird, dass es uns nicht mehr gibt.
Ansonsten baut sich ja im Moment überall eine Riesenwelle auf. Wir haben vom deutschen Städtetag gehört, dass sich die Schulden in den Kommunen im Schnitt möglicherweise verzehnfachen. Oberhausen hat jetzt schon 1,8 Mrd. Euro Schulden. Aber Oberhausen ist nur ein Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Wir müssen uns darauf einstellen, dass in diesem oder im nächsten Jahr die Politik in Deutschland sich entscheidet, ob sie weiterhin an der Gestaltung des Alltagslebens der Menschen beteiligt sein will oder ob sie sich hauptsächlich als Krisenauffangbecken für ökonomische Verluste betrachten will: Wie weit will Politik noch steuernd und gestaltend eingreifen, oder wird das aufgegeben? Diese Auseinandersetzung findet jetzt statt. Man weiß zwar nicht, wie sich das wirtschaftlich entwickelt – aber man weiß, wie sie umgesetzt werden, wie sie umgesetzt werden sollen, den Kommunen unglaubliche Einnahmen fehlen und unglaubliche Kosten entstehen werden. Jetzt erst werden diese großen Finanzlöcher manifest, die sich in den Kommunen auftun. Jetzt erst wird sichtbar, was durch die Finanzkrise, die letztendlich eine Wirtschaftskrise geworden ist und sich eventuell zu einer Systemkrise entwickelt, wirtschaftlich weggebrochen ist. Was dann passieren wird, kann keiner sagen. Nur, dass es nicht auf Oberhausen beschränkt bleiben wird.
Peter Carp: Er spricht locker von Theaterschließungen und lobt den Mut der Wuppertaler, die sich entschlossen haben, das Schauspielhaus nicht zu renovieren und damit die Sparte Schauspiel langfristig abzuschaffen. Das ist ein ausgesprochen erschreckendes Signal. Bei dieser Spardebatte wird immer zuerst das Theater genannt. Aber dort zu sparen bringt, wie wir allen wissen, finanziell gar nicht viel in Anbetracht der enormen Schulden. Man könnte im Ballungsraum NRW auch darüber nachdenken, die Verwaltungen zu schlanker und effizienter zu gestalten. Vielleicht wäre da ein viel größeres finanzielles Sparpotenzial. Stattdessen werden – nicht von Oberhausener Seite, sondern von außen – populistische Reflexe mobilisiert, eine Bildungsfeindlichkeit, die in Deutschland eine sehr traurige Geschichte hat. Schaffen wir doch diese anstrengenden Hochkulturinstitutionen ab, dann muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich nicht dafür interessiere. Es geht hier weniger ums Sparen als um das Spielen mit Befindlichkeiten. Gleichzeitig wird von der kulturellen deutschen Identität geredet. Doch wo bitte soll die stattfinden?
TdZ: Für Herrn Bussow ist Theater eher Schmuck. Er lädt auch jedes Jahr ein Theater in sein Gebäude, das dann im Treppenhaus spielen darf. Dahinter steckt die Konzeption einer Amerikanisierung. In den USA zum Beispiel gibt es in Städten wie New Orleans große Bereiche, in denen man sich nicht aufhalten darf, wenn man nicht überfallen werden will. In anderen Vierteln existieren schmucke Universitäten mit Semesterbeiträgen von 40 000 Dollar. Bestimmte Teile der Bevölkerung sind also von vorneherein von Bildung und Zukunftschancen ausgeschlossen. Für unser Verständnis von Demokratie ist das noch völlig inakzeptabel.
P.C.: Das Institut für Demoskopie Allensbach hat eine Studie veröffentlich, die mich richtig erschüttert. Nach neusten Umfragen existiert, verglichen zum Anfang der neunziger Jahre, als das letzte Mal untersucht wurde, ein dramatischer Unterschied darin, wie die Leute mir ihrer Verelendung umgehen. Man erwartet ja, dass die soziale Kluft immer größer wird. Aber es gibt das ansteigende Gefühl: Da komme ich gar nicht mehr heraus und meine Kinder auch nicht. Die Leute stellen sich auf mehrere Generationen von Hartz IV ein. Da ist es auch egal, was für einen Schulabschluss die Kinder machen. Man hängt vor der Glotze und guckt sich irgendwelchen Unterhaltungstingeltangel an, ansonsten geht man noch ins Sportstudio McFit, einkaufen bei MacGeiz und essen bei McDonald’s. Da ist man dann bei Michael Moore, der über sein Entsetzen darüber Filme dreht. Hier ist doch wirklich die Politik gefordert, um gegenzusteuern. Da haben das Theater oder auch die Kurzfilmtage, das Museum oder die Bibliothek doch eine ganz wichtige Funktion: Da muss man einfach Flagge zeigen. Das ist doch eine Horrorvision: eine frustrierte Bevölkerung, die sich für nichts mehr interessiert, die nur noch mit so einem bisschen Entertainment und schlechter Ernährung vor sich hin vegetiert. Es geht also ganz klar um Ghettorisierung. Ein Ghetto für Verlierer. Das ist eine politische Entscheidung, ob man sagt: Wir lassen bestimmte Städte einfach absaufen – das sind die Billigvororte für eine Großstadt Ruhrgebiet -, und in Düsseldorf wohnen die, die es sich leisten können. Die Bessergestellten kriegen das volle Angebot, und dann gibt es eben Bereiche, in denen wohnt eine andere Klasse Mensch. Richtig zur Arbeit brauchen wir die eigentlich auch nicht mehr, nur noch für den Konsum. Und in dieser Zone gibt man dann Bildungseinrichtungen, Theater usw. auf.
Das, was aufgegeben wird, ist aber der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit oder der Gedanke der Chancengleichheit. Einerseits reden wir immer darüber, dass wir die Bevölkerung integrieren müssen und die Menschen mit Migrationshintergrund in unsere Kultur und Gesellschaft einführen wollen, damit sie nicht auseinanderdriftet. Andererseits hat das, was da unsere Gesellschaft gerade im Begriff ist zu entwerfen, mit Chancengleichheit nichts mehr zu tun. Die Entscheidung darüber wird natürlich nicht im Theater gefällt, sondern nur in der Politik. Das Theater kann die Verödung nur bekämpfen.
TdZ: Wie arbeitet denn hier vor Ort das Theater gegen die Ghettoisierung an?
P.C.: Zum Beispiel, indem wir das Projekt „King A“ mit Streetdancern und unseren Schauspielern machen. Mit Jugendlichen direkt aus den Communities, also aus einer Szene, die normalerweise nicht ins Theater geht. Die sind jetzt sogar Weltmeister im Streetdance geworden. Oder mit der „Oberhausener Johannes-Passion“. Lothar Trolle hat uns zu der „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach Rezitative speziell zur Situation in Oberhausen geschrieben. Das Ganze spielt auf dem Oberhausener Hauptbahnhof und fragt: Was würde passieren, wenn Jesus Christus durch Oberhausen ginge? Was wäre hier das Selbstopfer, was ist Erlösung? Oder Schorsch Kamerun, der live mit unseren Theaterleuten und den Fußballern von Rotweiß Oberhausen eine Koproduktion macht zum Thema „Stadt in der Krise“, Titel „Abseitsfalle“. Das interessiert die Leute sehr, wenn wir das Theater auf die Stadt Oberhausen beziehen – ohne dabei jedes Stück zwanghaft zurechtzubügeln.
Wir können hier nicht Theater für Theater machen. Gleichwohl sind wir hier sehr bemüht, avanciertes Theater zu machen. Aber so, dass es Menschen einlädt, die sich normalerweise nicht so sehr für Hochkultur interessieren, und ihnen zeigt, dass diese Theaterwelt eine große, verlockende, spannende und sinnliche Welt ist. Die eben nicht von vorgestern ist, sondern die mit ihrer Gegenwart zu tun hat. Vielleicht manchmal auch mehr als ihre eigene erlebte Gegenwart.
TdZ: Nun gibt es auch viel Konkurrenz: NRW hat die höchste Theaterdichte der Welt, dazu die Ruhrfestspiele. Die Politik hat noch die Ruhrtriennale draufgelegt, ein attraktiver Eventleuchtturm.
P.C.: Schön wäre, wenn wir mehr Publikum von der Ruhrtriennale zu uns ins Oberhausener Theater kriegen würden – oder ins Essener oder ins Mülheimer Theater. Damit es diese überregionale Wahrnehmung nicht nur in der Presse gibt, sondern auch in der Bevölkerung. Das ist sehr schwr, weil doch trotz hoffnungsvoller Beschwörungen der Metropole Ruhr die Wahrnehmung sehr stadtbegrenzt und teilweise auch kleinstädtisch ist.
TdZ: Diese Ruhrcity mit zehn Millionen Einwohnern oder mehr, die Metropolen wie London und New York gleichgesetzt wird, ist reine Fiktion. Die Mentalität ist eben nicht großstädtisch. Insbesondere nicht die Mentalität der Politiker, die diese Chimäre beschwören.
P.C.: Vielleicht könnte man erstmal ein Ruhrgebietsabo schaffen, mit dem ich zwei Vorstellungen in essen, zwei in Oberhausen, eine in Bochum, vielleicht noch ein Konzert und eine Veranstaltung der Ruhrtriennale besuchen kann. Das wäre doch toll. Dann bekäme man gleich auch noch Hintergrundinformationen mitgeliefert, was wann wo gemacht wird. Würden sich die Theater zusammentun, könnten wir das alle gemeinsam richtig bewerben.
TdZ: Toll! Ich sehe, Sie sind der richtige Mann am richtigen Platz.
P.C.: Es hat keinen Sinn, dass Essen und Oberhausen genau den gleichen Spielplan machen. Wir stimmen uns da schon jetzt ab. Es gibt natürlich Konfliktpunkte, wenn ein Stoff Abiturstoff ist – den will jedes Theater machen. Ansonsten haben die Theater hier unterschiedliche Profile. Man bräuchte auch ein entsprechendes Publikationsorgan. In Berlin habe ich zitty und tip. Hier muss ich mich ja wirklich dezidiert erkundigen: Was wird in Bochum, in Essen oder Dortmund gespielt? Selbst ich, der ich ja nun in der Branche tätig bin, versäume das eine oder andere. Deswegen denke ich, dass man bei dieser großen Fülle des kulturellen Angebotes – das etwas Tolles ist – den Menschen helfen muss, dieses Angebot überhaupt wahrnehmen zu können.
TdZ: Das heißt also, die Häuser müssten viel stärker kooperieren, anstatt einzeln vor sich hin zu wursteln.
P.C.: Wir werden in der nächsten Spielzeit mit Essen kooperieren. Wir werden mit dem Ringlokschuppen kooperieren, auch perspektivisch. Ich finde sehr interessant, was die dort machen. Wenn wir uns in Oberhausen neues Publikum erschließen wollen, ist es nur konsequent mit der freien Szene zusammenzuarbeiten. Wir wollen eine Produktion zusammen mit Gob Squad machen oder andere Aufführungen austauschen.
TdZ: Sie haben auch mit dem Forum Freies Theater zusammengearbeitet. Ein Projekt mit einem Text von Etel Adnan.
P.C.: Ja, das war eine spannende Erfahrung, aber es war ja nun auch eine sehr spezielle Produktion. Als Zusammenarbeit war das sehr interessant und auch sehr erfreulich. Ich finde das wichtig, weil dadurch das Publikumsverhalten ein anderes wird. Neue Zuschauerschichten mischen sich mit dem traditionellen Stadttheaterpublikum, das in Oberhausen eher abnimmt. Wenn sie Stadt sich verändert, muss sich auch das Theater verändern und neu definieren. Unsere Strategie ist, dass wir versuchen, uns zu vernetzen. Wir machen auch eine Koproduktion mit dem Theater der Welt und eine längerfristige Kooperation mit einem ausländischen Theater, dem Theater in Sibiu, Rumänien, ehemals Hermannstadt. Die haben auch ein sehr großes Theaterfestival. Lothar Trolle wird ein Stück über Sibiu schreiben, und ich werde das inszenieren. Im Gegenzug kommt ein rumänischer Autor hierher und schreibt ein Stück über Oberhausen, das ein rumänischer Regisseur inszeniert.
Wir wollen nicht nur regionale, sonder auch ästhetische Grenzen überwinden. So haben wir in der letzten Spielzeit mit Hans Peter Litscher eine große Installation in einem öffentlichen Gebäude, dem Gästehaus der Gutehoffnungshütte, etabliert. Erinnerungsräume. Litscher erzählt immer eine Geschichte, die mit dem Ort zu tun hat. Diese mal hieß die Produktion „Gelateria Götterdämmerung“. Es ging um den Aufenthalt Viscontis in Oberhausen, als er „Die Verdammten“ gedreht hat. Das ist so eine Münchhausen-Geschichte, da stimmen 80 Prozent, und 20 Prozent stimmen nicht. Und damit spielt er. Dieser erweiterte Kunstbegriff oder diese Genredefinition von Theater finde ich sehr spannend und notwendig. Das geht in einer strengen Abostruktur natürlich schwer. Trotzdem bleibt das Abo wichtig, aber vielleicht muss sich auch das Abo mal wieder neu erfinden.
TdZ: Wie kommen denn die Migranten bei Ihnen vor, von denen es Ruhrgebiet ja sehr viele gibt?
P.C.: In den sechziger Jahren sind sehr viele Menschen aus Sardinien, vor allem aus Carbonia und Iglesia – das sind zwei Bergbaustädte -, nach Oberhausen gekommen. Es gibt immer noch große sardische Vereine. Vorletztes Jahr im Dezember bin ich auf Sardinien gewesen, und plötzlich hat mich interessiert, was sich eigentlich dort verändert hat, als immerhin ein Fünftel der Bevölkerung weggegangen ist. Wie war das für die, die zurückgeblieben sind? Darüber machen wir ein Projekt.
TdZ: Von der südländischen Atmosphäre merkt man hier eher wenig.
P.C: Etwas südländisches Feuer würde der Stadt ganz gut tun. Da ist der Oberhausener, der Ruhrgebietler eher häuslicher Kleinbürger, der zu wenig ausgeht und feiert. Das ist das, was ich hier manchmal ein bisschen schade finde, dass die Leute sich immer sehr in Häusliche zurückziehen. Die Leute sind sehr offen und kommunikativ, aber sie sind nicht öffentlich. Das Öffentliche spielt nicht so eine große Rolle. Das ist dann doch so ein bisschen kleinstädtisch. Wahrscheinlich, weil es keine gewachsenen Städte sind. Das Öffentliche, zum Beispiel die italienische Kleinstadt mit der Piazza oder das Wiener Kaffeehaus, einen öffentlichen Ort, gibt es hier nicht. Stattdessen Siedlungshäuschen und der Garten nach hinten, wo man sich dann gegenseitig einlädt – aber nur die, die man auch treffen will.
TdZ: Da könnte das Theater ja mal anfangen, Paraden zu organisieren, mit Musik, Kapelle vorneweg. Dann sie Streetdancer, Karneval der Kulturen usw. Einfach mit gutem Beispiel vorangehen.
P.C.: Ja gut. Ich nehme das jetzt als Anregung.
TdZ: Es wäre nur eine Ihrer ganz unterschiedlichen Initiativen mehr, das Haus zu öffnen und in neuen Kontexten zu verankern.
P.C.: Ich kann den Leuten nicht immer nur von Bergbau und Taubenzucht erzählen. Das will keiner mehr hören
TdZ: Die Region hat starke Zeiten erlebt und ist von der postindustriellen Wende kalt erwischt worden, ohne dass sie bis jetzt zu einer neuen Identität oder Vision gefunden hat.
P.C.: Es hat eine ganze Weile eine nostalgische Geschichte gegeben, wo man sich immer wieder auf diese heroischen Bergleute bezogen hat. Das ist jetzt durch. Wirklich Neues ist aber nicht gewachsen, was manchmal zu einer angstgeprägten Bestandswahrung führt: Es soll anders werden, aber es darf sich nichts ändern. Da muss man anders vorgehen und nein sagen. Wir müssen das Morgen gestalten und uns nicht immer überholen lassen. Wir müssen gestalten! Und das macht mir einfach Riesenspaß. Das Theater ist ganz massiv bedroht, weil die Stadt ganz massiv bedroht ist. Aber es hat ja keinen Sinn, dass ich weine, sondern wir müssen versuchen, besonders spannende und gute Projekte zu machen, so dass es den Menschen einfach unvorstellbar wird, dass es uns nicht mehr gibt.
Ansonsten baut sich ja im Moment überall eine Riesenwelle auf. Wir haben vom deutschen Städtetag gehört, dass sich die Schulden in den Kommunen im Schnitt möglicherweise verzehnfachen. Oberhausen hat jetzt schon 1,8 Mrd. Euro Schulden. Aber Oberhausen ist nur ein Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Wir müssen uns darauf einstellen, dass in diesem oder im nächsten Jahr die Politik in Deutschland sich entscheidet, ob sie weiterhin an der Gestaltung des Alltagslebens der Menschen beteiligt sein will oder ob sie sich hauptsächlich als Krisenauffangbecken für ökonomische Verluste betrachten will: Wie weit will Politik noch steuernd und gestaltend eingreifen, oder wird das aufgegeben? Diese Auseinandersetzung findet jetzt statt. Man weiß zwar nicht, wie sich das wirtschaftlich entwickelt – aber man weiß, wie sie umgesetzt werden, wie sie umgesetzt werden sollen, den Kommunen unglaubliche Einnahmen fehlen und unglaubliche Kosten entstehen werden. Jetzt erst werden diese großen Finanzlöcher manifest, die sich in den Kommunen auftun. Jetzt erst wird sichtbar, was durch die Finanzkrise, die letztendlich eine Wirtschaftskrise geworden ist und sich eventuell zu einer Systemkrise entwickelt, wirtschaftlich weggebrochen ist. Was dann passieren wird, kann keiner sagen. Nur, dass es nicht auf Oberhausen beschränkt bleiben wird.


