SCHULD UND SÜHNE ausgezeichnet

Beste Inszenierung beim NRW Theatertreffen

Das Theater Oberhausen hat mit seiner Produktion SCHULD UND SÜHNE nach Fjodor Dostojewski den Preis für die beste Inszenierung beim NRW-Theatertreffen in Münster erhalten. Die Jury lobte am Samstagabend im Kleinen Haus den besonderen Charakter der „theatralen Filminstallation“ von Regisseur Bert Zander, der die Zuschauer*innen in einem Geviert von Projektionswänden Einblick in die Gedankenwelt des von Christian Bayer verkörperten Mörders Raskolnikow nehmen lässt.

Hier gibt’s die komplette Laudatio von Sascha Westphal zum Nachlesen:

„Die Kategorien gehen durcheinander, die Formen vermischen sich. »Eine theatrale Filminstallation« nennt Bert Zander im Untertitel seine am Theater Oberhausen entstandene Adaption von Fjodor Dostojewskis Roman »Schuld und Sühne«. Damit ist der ästhetische, der künstlerische Raum zwischen Bühne und Museum, Film und Schauspiel abgesteckt. Auf vier zu einem Quadrat angeordneten Leinwänden läuft ein dreistündiger Film ab. Alle treten sie auf, die Prostituierte Sonja Marmeladowa und ihr dem Alkohol verfallener Vater, der Untersuchungsrichter Porfiri Petrowitsch und der Adelige Swidrigailow, die junge Dounia und ihr viel älterer Verlobter, der Beamte Lushin. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Doch einer fehlt: Rodion Romanowitsch Raskolnikow, der arme Student, der sich zum Mörder macht. Eine Leerstelle in den so überaus scharfen, ständig auf einen einprasselnden Bildern.

Der um den sich alles dreht, existiert außerhalb der Bilder. Im Raum zwischen den Leinwänden. Christian Bayer spielt diesen Raskolnikow. Ein ruheloser Mensch, gehetzt und bedrängt, geht er zwischen dem Publikum auf und ab wie ein Raubtier im Käfig. Jede Bewegung Bayers zeugt von der Anstrengung Raskolnikows, die Kontrolle über die Welt zu behalten. Dabei ist er längst ein Gefangener seiner Gefühle und Visionen. Es gibt kein Entrinnen, nicht für diesen Mörder aus Hochmut, nicht für Christian Bayer, dem die Bilder auf der Leinwand zum Metronom werden, das unnachgiebig seinem Spiel den Takt vorgibt, und auch nicht für das Publikum, das in die Gedankenwelt Raskolnikows hineingezogen wird und den aus seinem Kopf herausquellenden Bildern schutz- und distanzlos ausgesetzt ist.

Und damit sind wir wieder am Anfang, bei der »theatralen Filminstallation«, dieser unreinen Kunst, die bei dem einen oder anderen sicher die Frage provoziert, ist das überhaupt noch Theater? Und wenn, was für eins? Eines, das die Konventionen in Verwirrung, die Emotionen in Aufruhr und die Gedanken ins Schweifen bringt. Ja, diese Arbeit ist ohne wenn und aber Theater, Bühnen- und Schauspielkunst. Nur lotet sie die Grenzen dessen, was wir gemeinhin darunter verstehen, auf radikale Weise aus. Bert Zander gelingt mit seiner Formen übergreifenden Inszenierung etwas geradezu Unterhörtes. Er erfindet das Monodrama noch einmal neu aus dem Geiste des Bewusstseinsstroms. Alles, was sonst im Kopf des Protagonisten verborgen bleibt, nimmt Form an, bekommt Gesichter und wird somit sichtbar.

Bert Zander eröffnet dem Theater einen Raum, der ihm sonst verschlossen war. Plötzlich kann ein Schauspieler mit den Phantomen im Kopf seiner Figur agieren, kann das Innerste nach Außen kehren und in seinem Spiel doch ganz innerlich bleiben. Die Exaltationen gehören den anderen, dem Ensemble auf den Leinwänden, das ganz groß und theatralisch sein darf. Jenseits der Leinwände liegt die Bühne, die Bretter, die Raskolnikows Welt bedeuten. Ein schwarzer Kosmos, bevölkert von Gefallenen und Verlorenen; aber eben auch der einzige Kosmos, den die Menschen haben. Näher als dieses wahrhaft singuläre Kunstwerk kann eine Adaption von Dostojewskis Entwurf der Welt wie der Menschen kaum noch kommen.“

 

Mehr Informationen zu SCHULD UND SÜHNE finden Sie HIER.


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