Lockdown-Kolumne

#6 (19.6.21)

Verwaiste Plätze. Leere Straßen. Menschen – alleine mit dem Haustier an der Leine – oder durch die Gassen huschend, um vor der Sperrstunde noch schnell nach Hause zu kommen. So es denn ein Zuhause gibt, in das man kommen oder ein Haustier, welches man ausführen kann.

Was macht der Rückzug ins Private mit einer Stadtgesellschaft und ihren öffentlichen Orten? Und was macht das Theater als Teil dieser Stadtgesellschaft und als für alle zugänglicher, öffentlicher Ort? Hinter verschlossenen Türen nachdenken und hinter Bezahlschranken streamen? Auch das.

Aber was lässt sich wirklich bewegen, wenn die Stadt stillsteht? Spielen geht. Spielengeht immer. Wo auch immer. Mit was auch immer. Das Spiel ist Überlebensstrategie; in jeder nur denkbaren Krise sucht und entdeckt der Mensch Möglichkeiten zu spielen. Keine Freiheit, keine Nähe, kein Lernen, keine Erkenntnis, keine Liebe entsteht ohne spielerische Elemente.

Nichts liegt also näher für ein Theater, das auf seiner Bühne gerade nicht spielen kann, als seine Stadt zum Spielen zu bringen. Und so haben sich viele Menschen dem Spiel „EINE STADT SPIELT STILL" angeschlossen, haben Pakete mit Spielaufgaben zugestellt bekommen, haben sich mit Steinen, Federn und Holzstückchen Botschaften gesendet, sind miteinander aus dem Stillstand ins Spiel gekommen, haben glückliche, befreiende, menschliche Momente erlebt. Still. Ohne Rummel. Ohne Marketing. Ohne Wertschöpfung. Und gerade darum unendlich wertvoll. Das Wesen des Spiels ist: es ist zweckfrei.

Wenn Menschen sich etwas schenken, was es nirgends zu kaufen gibt – Aufmerksamkeit – entziehen sie sich den Gesetzen von Markt und Profit. Die Mitspieler*innen und Spielemacher*innen haben sich und ihre Stadt beschenkt und damit das Theater gefeiert. Als etwas, das sich lohnt, ohne sich rentieren zu müssen.

Wir bedanken uns beiallen, die mit uns gespielt haben. Demnächst spielen wir wieder für Sie. Die Zuwendung, die Erfahrung der großen Wirkung kleiner Gesten würden wir gerne bewahren. Auch wenn die Plätze wieder belebt, die Straßen wieder voll sind und leider viele Haustiere zurückgegeben werden, weil sie ihren Zweck erfüllt haben.

 

 

#5 (30.4.21)

„Willkommen im digitalen Theater Oberhausen“!

So begrüßt meine Kollegin Elena Liebenstein das streamende Publikum an den Endgeräten und lädt es ein, zu IM DICKICHT DER STÄDTE nach Bertolt Brecht. Einem Theaterstück. Eigentlich. Zumindest nannte man das mal so. Früher. Und jetzt: aufgezeichnetes Theaterstück, Bühnenfilm, abgefilmte Vorstellung, Bildschirmspiel?

Einst wussten wir ziemlich genau, was wir meinen, wenn wir zu einem Theaterabend, einem Publikumsgespräch, einer Podiumsdiskussion einladen, was wir unter einer Premiere oder einer Vorstellung verstehen. Derzeit fehlen uns die Begriffe und der Konsens darüber, was sich hinter ihnen verbirgt.   

Wenn wir von „digitalem Theater“ sprechen, sprechen wir also von Ungewissheit, von einem neuen Feld, das wir uns vor Ihren Augen erarbeiten und von einem groß angelegten Experiment, das Theater, wie wir es kennen – und lieben und vermissen – in die Zeit, die wir gerade erleben müssen zu transformieren. Warum tun wir das? Können wir uns nicht einfach damit abfinden, dass unsere uralte Kulturtechnik gerade einfach nicht möglich ist? Können wir unsere Kränkung darüber, nicht „systemrelevant“ zu sein, nicht einfach runterschlucken und die Füße stillhalten? Können wir nicht. Wollen wir nicht. Wir wollen stattdessen die Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, sich einzumischen, Begegnung zu stiften, Diskurs anzubieten auch in diesen Zeiten erforschen.

Und so machen wir unsere Erfahrungen.

Wir erleben Glücksmomente im Zoom: den Bürgermeister von Anröchte, der mit dem Mobiltelefon am Gespräch nach DAS MASSAKER VON ANRÖCHTE teilnimmt, während er durch seine Stadt marschiert und somit allen Anwesenden einen Stadtrundgang schenkt. Eine alte Dame, die das Format zum ersten Mal nutzt und es stolz schafft, sich bei DER URSPRUNG DER LIEBE einzuloggen. Menschen, die uns bitten „auch, wenn das alles vorbei ist“ weiter digital zu bleiben, weil sie nur so Theater erleben können. Wir freuen uns an der Magie des leeren Bühnenraums, mit der uns Bert Zander mit seiner Videokunst bei INNEN.NACHT verführt. Wir denken unsere Bemühungen in Richtung Teilhalbe weiter, indem wir die Chancen von Übersetzungen ausgiebig nutzen. Den Tanzfilm STURMTIEF O`HARA wird es in drei Sprachen geben, ebenso die Audio-Einführung und das digitale Programmheft. Wir kommen einem demokratisierten Theater einen weiteren Schritt näher.

Wir erweitern die Klaviatur des Theaters als zeitgenössische Gesamtkunst.

Und wir machen Fehler: wir unterschätzen, was es für Ängste bei Künstler*innen wachruft, von der Bühne als Ort der Flüchtigkeit und Feier des Augenblicks ins Netz verlegt zu werden, wo nichts gelöscht und nichts vergessen wird. Wir sind noch nicht sensibel genug dafür, was es für Akteur*innen heißt, die Hoheit über das eigene Tun und damit die Autor*innenschaft eines Theaterabends abzugeben in die Postproduktion. Wir nutzen die Macht der Bilder, ohne uns immer und in jedem Moment der Macht derer, die sie produzieren kritisch bewusst zu sein.

Wir lernen, wir entdecken, wir scheitern. Willkommen in der Gegenwart. Willkommen im Zukunftslabor. Willkommen im digitalen Theater Oberhausen!

 

Ihre Simone Sterr

 

 

 

Lockdown-Kolumne #4 (13.3.21)

Ob der 13. März 2020 in die Geschichte eingeht? Möglich wär´s. Der Betrieb aller Schulen und Kitas wird an diesem Tag deutschlandweit eingestellt, die Bundesländer sprechen Veranstaltungsverbote aus und ordnen Theaterschließungen an.

Auch die für dieses Datum geplante Premiere am Theater Oberhausen, „Der Funke Leben“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque, wird abgesagt. Der Funke wird nicht überspringen. Das Parkett bleibt leer, die Bühne dunkel. Statt den Lappen hoch fährt das ganze Land den Laden runter.

Am 13. März 2021 – genau ein Jahr und einige Lockdowns später – feiern wir Premiere. Diesmal mit „Findet statt-Garantie“, denn die Zuschauer*innen folgen uns längst in den digitalen Raum und seinen Möglichkeiten der Sinnstiftung und der Sinnlichkeit. Gesendet wird von der Bühne, der immer noch dunklen, hinaus in eine Welt, die sich grundlegend verändert hat. Zu einem Wir, das die existentielle Erfahrung gemacht hat, worauf es, jenseits von Wertschöpfung, womöglich wirklich ankommt – und hoffentlich auch etwas daraus macht. Denn irgendwo sollte die Erkenntnis über die Sollbruchstellen unserer Gesellschaft, die uns die Pandemie noch einmal so deutlich zeigt, ja hin, müsste sich die Erfahrung ja niederschlagen, dass uns das Erleben von Nähe, Bindung, Gemeinschaft mehr fehlt als das nächste Shoppingerlebnis.

Der Regisseur und Videokünstler Bert Zander leuchtet mit "INNEN.NACHT – Geschichten aus der Höhle“ hinein ins Leben von sechs Menschen, die von einer nahen Zukunft aus die Welt betrachten und sich ihres Zustands gewahr werden. Ihre Erzählungen, ihre Gedanken erhellen die Nacht. Und aus dem Endgerät sprühen die Funken.

Schauen Sie rein, hören Sie hin...

Bis ganz bald.

 

Ihre Simone Sterr

 

 

Lockdown-Kolumne #3 (5.3.21)

Es gibt Grund zu heller Freude! Nicht nur, weil sich ein wenig Licht zeigt am Corona-Horizont und die zarte Hoffnung keimt, dass wir uns bald wieder in diesem Theater begegnen könnten, sondern weil in den nächsten Tagen und Wochen zahlreiche Veranstaltungen innerhalb der Feministischen Reihe in unterschiedlichsten Formaten zu erleben sind. Ein kleines Festival sollte es – wie bereits in den drei Spielzeiten vorher – werden. Ein Wochenende der Begegnung, der Auseinandersetzung, der Wachsamkeit und der Ausgelassenheit. Wie so vieles in den letzten Monaten wurde das nichts. Aber es wurde etwas anderes: Eine umfassende Reihe – live und digital. Denn Festivalmacherin Miriam Ibrahim hat sich von stets neuen Plänen und Bestimmungen nicht beirren lassen, hat ihre Vorhaben immer wieder den neuen Situationen angepasst und ist so zu einem prallen Paket feministischer Power gekommen, hat dem Theater eine stetige Beschäftigung mit feministischen Themen verpasst, mit drei monatlichen Höhepunkten im März, April und Mai, hat das geplante kleine Festivals in eine richtig große Sache transformiert. Filme, Vorträge, Videos, live gestreamte Produktionen und Lesungen, interaktive Talks und Workshops machen nachdenklich, machen aufmerksam, machen Lust und machen Mut für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung, Benachteiligung, Machtmissbrauch und pure Muskelkraft zu streiten. Nicht verbissen, keineswegs dogmatisch, sondern durch und durch lebensbejahend, kritisch, fröhlich, leidenschaftlich.

Das Programm ist so vielseitig wie die vielen Künstler*innen, die es gestalten, so aufregend, so besonders, so unterschiedlich wie Menschen nun mal sein können und sein dürfen sollten. 30 Mädchen und Frauen zum Beispiel, die zum Teil noch nie das Theater betreten haben, deren Musikvideo VOLLE PRACHT, entstanden im Rahmen der Produktion PRINCESSES – PRINZESSINNEN zu sehen sein wird und viele Künstler*innen mehr, denen Sie auf unterschiedlichsten Ebenen begegnen können. Gehen sie auf die Festival-eigene Internetseite (feministische-reihe-oberhausen.com) und schauen Sie selbst....

Die Hoffnung, dass uns die Pandemie bald nicht mehr im Griff hat und wir uns wieder unbeschwert treffen können mag trügerisch sein und gefährlich. Die Hoffnung hingegen, dass wir uns und unsere Gesellschaft zu mehr Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt auf allen Ebenen weiterentwickeln ist angebracht. Denn das haben wir schließlich selbst im Griff. Let´s do it.

Ihre Simone Sterr

 

 

 

 

Lockdown-Kolumne #2 (15.2.21)

Erinnern Sie sich an das Unwort des Jahres 2010? „Alternativlos“ war es.
Denn allzu oft wurde die eiserne Hand, die weiß, wie‘s geht, erhoben, wurden Möglichkeiten vom Tisch gewischt, mit „Punkt. Aus. Basta“ durchregiert und suggeriert, es gäbe keine anderen Lösungen. Der fette Punkt, das martialische Ausrufezeichen – sie sind uns 11 Jahre später von der Seite gewichen. Stattdessen begleitet uns das haltlose Fragezeichen durch eine unsichere, irritierende Zeit. Nun ist das Denken in Alternativen, das sich Erspielen, was sein könnte die – wann wird das eigentlich endlich mal zum Unwort? – „Kernkompetenz“ des Theaters. Also machen wir einen Plan B nach dem anderen...

Schon in der letzten Spielzeit hätte sie herauskommen sollen: die Premiere von DER URSPRUNG DER LIEBE nach der Graphic Novel von Liv Strömquist. Das Vorhaben wurde verschoben. Und verschoben. Und verschoben. Unzählige Premierentermine gab es, eine Kollegin aus dem Team ist mittlerweile im Mutterschutz (das lässt sich nun wirklich nicht verschieben) und nun gibt es erneut einen Stichtag. Am 26. Februar kommt DER URSPRUNG DER LIEBE zur Vorpremiere. Als Livestream. Zunächst als Testballon und als Geschenk an unsere Abonnent*innen, die sich so geduldig von Verschiebung zu Ausfall und wieder zurück bewegt haben. Dann können sich alle Zuschauer*innen über unsere Website Zugänge kaufen, mit denen sie sich in den Livestream einwählen. Kein abgefilmtes Theater erwartet Sie, sondern ein feierliches Live-Ereignis. Ein Abend über die Liebe, erzählt ohne Nähe. Geht das? Wählen Sie sich ein und schauen Sie selbst.

Das Unwort des Jahres 2020 ist übrigens „Corona-Diktatur“. Der Begriff ist ein Hohn all jenen gegenüber, die wirklich in Diktaturen leben müssen, die unter Einsatz ihres Lebens um den Preis des Verlustes ihrer Liebsten, unter Androhung von Folter gegen staatliche Willkür kämpfen. Auf den Straßen von Belarus, in Russland und an vielen Orten dieser Welt. Wir dürfen nicht Theater spielen, weil die demokratische Solidargemeinschaft für den Schutz aller, insbesondere der Schwächeren, entschieden hat. Das ist keine Diktatur. Das ist Vernunft. Aber wir dürfen Theater machen, dürfen nach Alternativen suchen, mit Plattformen jenseits der klassischen Bretter experimentieren, Begegnungen stiften. Theater und Publikum wollen zusammenkommen. Egal wie. So wie Liebende. Und darum geht es am Theater Oberhausen schließlich in den nächsten Wochen: um nichts Geringeres als die Liebe!


Ihre Simone Sterr

 

Lockdown-Kolumne #1 (22.1.21)

Leere Gänge. Leere Bühne. Leere Ränge. Das Theater steht still. Scheint so. Hinter leerer Kulisse nämlich lebt es, atmet es und wir sind voll da. Jede*r für sich – denn wir arbeiten soweit es geht von zu Hause aus – und alle zusammen, denn wir versuchen – trotz konsequenter Kontaktvermeidung – den gemeinsamen Prozess des Theatermachens durch die Pandemie zu retten und suchen nach Wegen, ihn mit Ihnen zu teilen. Neuen Wegen. Der Regisseur und Videokünstler Bert Zander, der das Theater Oberhausen mit „Die Pest“ schon im vergangenen Frühjahr erfolgreich durch den Lockdown und in die überregionalen Schlagzeilen brachte, erarbeitet in täglichen Videokonferenzen mit den Schauspieler*innen Torsten Bauer, Christian Bayer, Clemens Dönicke, Agnes Lampkin, Anna Polke und Luna Schmid „INNEN.NACHT“, ein digitales Filmtheater. Intendant Florian Fiedler, der eigentlich gutes altes Sprechtheater an dieser Stelle machen sollte, tritt dafür als Regisseur zurück und unterstützt das Projekt als Dramaturg, Schauspielerin Elisabeth Hoppe, die mit „Frederick“ durch die Kitas und Grundschulen unterwegs gewesen wäre, arbeitet bei der Regie mit. Neue Wege eben. Die geht auch die theater:faktorei, die ihr Programm vollständig auf digital umgestellt hat und mit den Projekten „UtopienSoundsuche“,  „Princesses“, „Ein Prozess (nach Franz Kafka)“, „True Storytelling“ und „Nerd Night“ präsent ist. Miriam Ibrahim gibt dem „Feministischen Festival“, das längst kein Mini-Festival mehr ist, einen kräftigen Schubs ins Netz und später in den Live-Spielplan. Und natürlich arbeiten wir auch auf eine unbestimmte Zeit hin, in der wir die Premieren „Der Ursprung der Liebe“ und „Im Dickicht der Städte“ zeigen dürfen. Eine Zeit, auf die wir uns gemeinsam freuen. Eine Zeit, in der sich das Theater wieder dadurch auszeichnet, dass Menschen im selben Raum zur selben Zeit für andere Menschen etwas tun. Machen und Zuschauen. Gleichzeitig dieselbe Luft atmend. Und die ist, wie das Frauenhofer Institut gerade herausfand, in den Theaterhäusern dieses Landes richtig gut.

 

Ihre Simone Sterr

Schauspiel

Theater Oberhausen
Will-Quadflieg-Platz 1
46045 Oberhausen