Herkunft

Sascha Hawemann bringt stimmig den Erfolgsroman von Buchpreiträger Saša Stanišić auf die Bühne

Widerstreitende Identitäten

Für das nicht einfache Unterfangen, ein autobiographisches Mosaik auf die Bühne zu bringen, das nur losen erzählerischen Spuren folgt wie dem geistigen und körperlichen Verschwinden der Großmutter, gestattete Intendant Florian Fiedler seinem Ensemble, selbst einen Regisseur zu wählen. Es wählte den in Ost-Berlin und Belgrad aufgewachsenen Sascha Hawemann, der über sich sagt: "Meine Großeltern waren Partisanen und überzeugte Jugoslawen. Das hat sich nicht geändert bis zu mir. Deswegen habe ich Serbien verlassen als es nur noch serbisch sein wollte."

Bruchmomente in der Bühnenwirklichkeit

Hawemann weiß also, wovon Stanišić spricht, wenn er beschreibt, dass es die Heimat gar nicht mehr gibt, an die er einen Begriff wie "Herkunft" knüpfen könnte. Das Auseinanderfallen Jugoslawiens hat seine Familie entwurzelt, zu "wild in die Welt geworfenen Körnern" gemacht. Auf der offenen Bühne von Wolf Gutjahr, die ein wandelbarer Transit- und Erinnerungsraum ist, inszeniert der Regisseur dementsprechend fragmentarisch; ein Stück mit performativem Charakter, mit Darsteller*innen, die zwischen den Figuren wechseln und in ständiger Suchbewegung sind.

Der Ich-Erzähler wird von Anfang an auf mehrere Schultern verteilt, ist manchmal, wenn zum Beispiel Ronja Oppelt ihn spielt, auch eine "Sie". Das Ensemble erzählt von seiner brüchigen Biographie mit Bruchmomenten in der Bühnenwirklichkeit: Wenn Großmutter ihm zwar nicht unterstellt, zu lügen, aber doch "zu übertreiben und zu erfinden", dann ergänzt Torsten Bauer: "auch mit Kunstnebel und Musik" – und deutet dabei auf den Bühnennebel und die sich meist dezent im Hintergrund haltenden Live-Musiker. Und wenn es um seine erste große Liebe geht, dann erzählt das "Ich" sich plötzlich nicht mehr selbst, sondern wird erzählt, weil es zu Beginn seiner Schulzeit im fremden Land noch gar keine Sprache für derart große Eindrücke und Gefühle gefunden hat.

Zum Schweben gebracht

So überwiegt an diesem Abend der Eindruck, dass Stanišićs Text auf ein verständiges Team gestoßen ist, das ihm Sound, Tempo und Struktur für die Bühnenadaption verpasst. Die Schauspieler*innen changieren problemlos zwischen Einfühlung und Rollen-Distanz – und Regisseur Hawemann hat eine stimmige Textauswahl getroffen.

Nachtkritik, Max Florian Kühlem, 9. Oktober 2020

Schauspiel
Großes Haus

Premiere
09.10.2020, 19:30 h

Termine

Herbst 2021

Theater Oberhausen
Will-Quadflieg-Platz 1
46045 Oberhausen