Foto Isabel Machado Rios 

 

Nebraska

Deutschlandfunk Kultur – Fazit vom 15.5.2021 von Michael Laages
 

DLF: Vorerst noch online ist der Spielbetrieb am Theater Oberhausen, aber heute Abend gab es im digitalen Livestream die Uraufführung eines neuen Stückes von Wolfram Höll: „Nebraska“. Das hatte er zuerst als Hörspiel konzipiert, war damit auch für den Deutschen Hörspielpreis nominiert und er arbeitet ja auch als Hörspielautor in Biel in der Schweiz. Nun also kommt „Nebraska“ auf die Bühne, inszeniert von Elsa-Sophie Jach.

Guten Abend, Herr Laages. Wolfgang Höll hat seine Figuren einmal Verlierlinge genannt, was sind das diesmal für welche?

 

ML: Es ist eine Gesellschaft von in der Tat verlierenden Menschen, diesmal allerdings nicht in der deutschen Provinz, wie sonst so oft bei Höll, sondern in der amerikanischen. Er hat sich inspirieren lassen von amerikanischen Kinomythen und erzählt die Geschichte von Menschen, die in ihrer Heimat alles verlieren. In einer kleinen Stadt in der Nähe von Atlantic City wird erst die Wurstfabrik zugemacht, dann die Autofabrik und einer, der tatsächlich in dieser Autofabrik gearbeitet hat und arbeitslos geworden ist, wird zur zentralen Figur einer Fluchtgeschichte, die tödlich endet.

 

O-Ton

 

ML: Ja, weil die Angestellten alle raus sind aus der Firma. Das ist die zentrale Geschichte, die die Stimmung dieser Verlierlinge oder dieses abgewickelten Dörfchens tatsächlich am deutlichsten beschreibt.

 

DLF: Die Dramaturgin des Abends beschreibt den Klang des Stückes von Wolfram Höll als Sound der Sehnsucht. Wie bringen die Schauspielerinnen und Schauspieler dieses Abends denn den Sound zum Klingen?

 

ML: Ob ich davon Sehnsucht sprechen würde? Es ist eher die Verzweiflung der Hoffnungslosigkeit, die natürlich immer mit Sehnsucht verbunden ist, Sehnsucht nach etwas, das nie kommt, in dem Fall sind sie alle im Zustand des aus-der-Welt –fallens.

Dieser Mensch, der da in seiner ehemaligen Autofabrik aufgeräumt hat oder aufräumen wollte, der trifft zwei junge Menschen, die einfach nur so auf der Flucht sind, weil ihnen ihre Welt zu eng geworden ist.

Und er nimmt sie mit und will ihnen irgendwie auch ans Leben oder ans Leder und daraus entwickelt sich eine sehr dramatische Geschichte, die schließlich in einem ziemlich heruntergekommen Motel . Dort ist dann tatsächlich die Versammlung dieser amerikanischen Kinomythen relativ deutlich und präsent. Alles, was wir sehen, haben wir schon einmal gehört oder gesehen. Ja es bekommt alles so einen lakonischen, einen tristen Drive mit einem kitschigen Unterton, es ist ein eher untypischer Höll-Text, sonst waren diese Texte von ihm immer sehr sehr verrätselt.

 

DLF: Sie haben das als Road Movie beschrieben, dazu gehört ja auch Musik, gibt es hier Livemusik?

 

ML: Ja ja gibt es Stella Sommer heißt die Sängerin, Gitarristin und Pianistin. Das Hörspiel war ja offensichtlich deutlich orientiert an Liedern von Bruce Springsteen, Frau Sommer macht das durchaus anders, ihre Geschichten sind sicher auch Anleihen an Roadsongs, aber sie fügt auch sehr Eigenes hinzu und darüber hinaus sorgt sie natürlich für den Grundsound des Abends, also nicht nur ein bisschen, sondern sehr und über diesen Soundflächen kommen dann auch die ulkigsten Passagen zustande. Der Text zum Beispiel imaginiert, dass es eigentlich ein Stück von Tennessee Williams sein könnte.

 

O-Ton.

 

Das ist in der Tat die amüsanteste Passage des Textes, der ansonsten relativ finster ist. Und in der Tat keinerlei Hoffnung oder Zukunft stiften will.

Das Oberhausener Ensemble schlägt sich sehr wacker. Mir fällt immer wieder die noch junge Schauspielerin Lise Wolle auf, sie ist in diesem Fall diese Figur, die die Leute von der alten Autofabrik erschießen wollte. Das ist alles sehr gut, sehr dicht gespielt auf der kreisenden Drehbühne und zwischen den etwas heruntergekommenen, ruinenhaften Kulissen. Es ist ein sehr dichter, ein sehr schöner kleiner Abend, mit dem das Theater in Oberhausen wieder einmal zeigt, was es kann, nämlich sehr komplizierte Texte in sehr griffige und zugängliche Art und Weise auf die Bühne zu bringen.

 

DLF: Auf der Suche nach ein wenig Glück und Erfolg wird also die Idee von American Dream zum Albtraum. So sehen auch die Bilder aus, die ich auf der Homepage des Theaters gefunden habe, alles etwas zombiehaft.

 

ML: Ja, das ist richtig und wenn ich das richtig gesehen habe, dann haben alle Darstellerinnen und Darsteller so künstliche spezielle Kontaktlinsen eingelegt, was immer dazu führt, dass man einen starren Blick bekommt und tatsächlich so aussieht, als sei man gerade aus den Gräbern gestiegen und würde demnächst gleich wieder hineinsteigen. Es ist ein Abend, der diese Finsternis, die im Text steckt, in eine Ästhetik, die wir aus den Kinos kennen, aus den nicht sympathischsten Filmen, aber aus einer Kultur, die mit dem Untergang spielt, überführt. Das ist in dieser Ausstattung ein Abend, der sehr an die Substanz einer Welt geht, deren Untergänge eher etwas häufiger sind in letzter Zeit.

Schauspiel
Großes Haus

Premiere
15.05.2021, 19:30 h

Theater Oberhausen
Will-Quadflieg-Platz 1
46045 Oberhausen